Eskalation im Nahen Osten
Wir beobachten das Geschehen im Nahen Osten genau und ordnen es auch geopolitisch ein. Aus Anlegersicht gilt es Ruhe zu bewahren. Zwar sind die Ölpreise weiter angestiegen, aber die globalen Anleihens- und Aktienmärkte blieben relativ gelassen.
Seit Samstag herrscht ein Krieg zwischen den USA, Israel und Iran – mit einer erdrückenden Überlegenheit. Die israelisch-amerikanischen Luftangriffe gegen den Iran scheinen fortgesetzt zu werden, und ein Ende ist derzeit nicht absehbar. Die Operation werde «so lange wie nötig» dauern, hiess es von israelischer Seite. Die Lufthoheit über Iran wurde kaum 24 Stunden nach Beginn der Operation durch den israelischen Verteidigungsminister verkündet. Zwar reagierten die iranischen Streitkräfte mit Raketen und Drohnen, die nicht nur auf Israel abgefeuert wurden, sondern auch auf Ziele in mittlerweile sieben Golfstaaten. Laut Angaben der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) feuerte Iran am Wochenende 165 ballistische Raketen und mehr als 500 Drohnen allein auf die VAE ab. Auch Ziele im Irak, in Kuwait und in Bahrain wurden von iranischer Seite ins Visier genommen.
Für die Islamische Republik, deren oberster Führer bei einem israelischen Angriff getötet wurde, beginnt eine neue Zeitrechnung. Das knallharte Regime, das vor wenigen Wochen noch Tausende von Demonstrierenden auf der Strasse getötet haben soll, könnte umstürzen. Einen epochalen Wandel durch einen Aufstand von demokratischen Kräften im Innern des Irans herbeizuführen, steht wohl bei US-Präsident Donald Trump im Vordergrund. Für Israel geht es um die verteidigungsbezogene Eliminierung der militärisch-politischen Kaste Irans, die sich in der jahrzehntelangen Erzfeindschaft herausgebildet hat. Doch an einem anarchischen Bürgerkrieg hat niemand ein Interesse, auch nicht die angegriffenen, reichen Petrostaaten am Golf. Als Kleinstaaten können sie es sich nicht leisten, alle Brücken zum Nachbarn Iran mit seinen mehr als 90 Millionen Einwohnern einzureissen.
Besonders nah ist die Nachbarschaft bei der Strasse von Hormuz. An der schmalsten Stelle zwischen der Arabischen Halbinsel und dem Iran ist die Schiffsroute, über die rund 25% des weltweiten Öl- und Gas-Geschäfts abgewickelt wird, nur rund 30 Kilometer breit. Auf eine komplette Abriegelung durch den Iran scheint man vorbereitet zu sein.
Was bedeutet der Konflikt für die Anleger? Die Risikobereitschaft wird gegenwärtig gedämpft sein. Die Volatilität verschiedener Aktienmärkte stieg auf den asiatischen Handelsplätzen allerdings nur geringfügig. Die Widerstandsfähigkeit der Märkte steht gewiss vor einer Bewährungsprobe. Der US-Dollar wird fast unverändert gehandelt, und Gold (+2%) reagierte nur wenig. Die Ölpreise sind gegenüber Freitag um 6% gestiegen und liegen inzwischen 25% höher als zu Jahresbeginn. Kurzfristig könnten die Ölpreise weiter steigen. Längerfristig könnten die Förderexpansion in der Opec und das Einbinden des Irans nach einem allfälligen Regimewechsel in den sanktionsbefreiten Energiewelthandel die Ölpreise bis auf 40 Dollar pro Fass Rohöl sinken lassen. Damit wären positive Aussichten auf die Inflation und das Weltwirtschaftswachstum verbunden.
Die USA sind in den letzten Jahren zur grössten Ölfördernation der Welt geworden. Zudem wird immer mehr Öl und Gas aus den USA exportiert. Daraus wird abgeleitet, dass sich der Dollar in naher Zeit aufwerten könnte.
Die europäischen Aktienmärkte werden aktuell (7:30 MEZ) rund 1.5% tiefer erwartet.
Wir beurteilen die Lage laufend neu und werden in den kommenden Tagen entsprechend informieren.
Ihre Zugerberg Finanz